Alle Lust will Ewigkeit

[Thema]

Mt 5,1–12 (Fest der Auf­nahme Marias in den Him­mel (15. August))

I

O Men­sch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mit­ter­nacht?
»Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

Friedrich Niet­zsche, Das trunk­ne Lied, aus: Also sprach Zarathus­tra. Viert­er und let­zter Teil

Alle Lust will Ewigkeit. Das hat Friedrich Niet­zsche, aus dessen »Zarathus­tra« diese Zeilen ent­nom­men sind, ganz richtig gese­hen. Wir wollen es nicht akzep­tieren, dass das Schöne in unserem Leben, all die vie­len Erleb­nisse und Erfahrun­gen, die uns das Leben genießen lassen, all die heit­eren und fro­hen Stun­den, die trös­ten­den und ermuti­gen­den Begeg­nun­gen, ein­fach ins Nichts sinken.

Niet­zsche warnte vor der Her­aufkun­ft des Nihilis­mus, vor ein­er Lebensweise und Leben­se­in­stel­lung, die die tiefe Lust und Freude am Leben preis­gibt und dem Nichts über­ant­wortet. Er sah diesen Nihilis­mus kom­men durch den Ver­fall der­jeni­gen Werte, an denen sich die Men­schheit bish­er fest­ge­hal­ten hat­te: Autoritäten, denen blinde Gefol­gschaft geleis­tet wurde, die sich aber als hohl und unfähig erwiesen, Staats­ge­bilde, die keinem Sinn verpflichtet waren, außer der eige­nen Bestand­ser­hal­tung, eine Moral, die nichts als Lüge war und die die Lebens­freude nicht fördert, son­dern erstickt. Das alles ist nihilis­tisch, weil es das Leben verneint, anstatt es zu beja­hen. Heute würde Niet­zsche wom­öglich in unser­er durch und durch von der Ökonomie beherrscht­en Welt die Vol­len­dung des Nihilis­mus sehen: alles, was es gibt, nicht nur Wohl­stand und materielle Güter, son­dern auch die Natur, Gesund­heit, Bil­dung und Fre­und­schaft kann man in Geld umrech­nen und damit die Frage verbinden: Was bringt mir das? Was ist es wert? Alles lässt sich nach dem gle­ichen Wert­maßstab messen, hat keinen eige­nen Wert – und ist am Ende darum gar nichts wert. Ein­fach nichts.

Auch das Chris­ten­tum war für Niet­zsche so ein Stück Nihilis­mus: Nicht nur zeigt die Kirche alle Merk­male nihilis­tis­ch­er Organ­i­sa­tio­nen in ihrem Ver­lan­gen nach unbe­d­ingter Gefol­gschaft und ihrem kom­pro­miss­losen Streben nach dem eige­nen Machter­halt — was durch die Miss­brauch­skrise auf bit­tere Weise ans Licht getreten ist. Auch der christliche Glauben selb­st scheint all das, was wir hand­fest als schön und genussvoll erfahren kön­nen, dem Unter­gang wei­hen zu wollen. Wir wer­den dazu ange­hal­ten, die soge­nan­nten »irdis­chen Freuden« preiszugeben um des höheren Gutes des Him­mels willen. Für dieses abstrak­te und vage Ver­sprechen eines besseren Jen­seits wird das Hier und Jet­zt, das wirk­lich und leib­haftig Schöne und Gute geopfert. 

II

Gegen den Nihilis­mus — dage­gen dass die Schön­heit des Lebens und die Freude daran nichts mehr wert sind — set­zt Niet­zsche sein großes Ja zum Leben. Das war für ihn der Gedanke der ewigen Wiederkehr: nichts verge­ht, son­dern alles, was ist und was geschieht, kommt immer aufs Neue wieder. Aktuell ste­hen tech­nol­o­gis­che und medi­zinis­che Visio­nen hoch im Kurs, die das men­schliche Leben nicht nur in nie gekan­nter Weise auf Jahrhun­derte verlängern ​[1]​, son­dern auch den men­schlichen Kör­p­er durch Implan­tate oder genetis­che Verän­derun­gen verbessern wollen. Diese tran­shu­man­is­tis­chen Bewe­gun­gen find­en sog­ar ein Echo in Teilen der The­olo­gie, die darin eine Erfül­lung der men­schlichen Ewigkeit­shoff­nung erblick­en will ​[2]​. Damit kön­nte Niet­zsches Traum ein­er ewigen Bejahung dieses Lebens tat­säch­lich möglich werden.

Aber wäre das wirk­lich bess­er? Wenn es mit uns ewig so auf Erden weit­ergin­ge, hun­derte oder tausende von Jahren und wieder und wieder, dann wären wir auf immer und ewig gefan­gen in diesem irdis­chen Dasein ohne Aus­sicht auf Entrin­nen — gefan­gen in unser­er Unwis­senheit, gefan­gen in den Gren­zen unser­er Vorstel­lungskraft, in den Gren­zen unser­er Fähigkeit zu han­deln, ja sog­ar zu lieben. Als wahre Hor­rorvi­sion schildert dies die Episode »Todessehn­sucht« der Sci­ence Fic­tion-Serie »Star Trek: Raum­schiff Voy­ager«; dort bit­tet ein Ange­höriger der Q, die inner­halb des endlichen Uni­ver­sums qua­si-allmächtig und unsterblich sind, um Asyl auf der Voy­ager, weil er das unendliche Immer-Weit­er-So nicht mehr ertra­gen kann und daher frei­willig aus dem Leben schei­den möchte ​[3]​.

Mag unser Herz noch so groß und weit sein, es kann nicht alles erkun­den, nicht alles fühlen, nicht alles ken­nen­ler­nen, nicht alles erleben, was es auf dieser Welt gibt. Nur einen winzig kleinen Auss­chnitt der Wirk­lichkeit kön­nen wir erfahren und die Älteren unter uns wis­sen es: je länger wir leben, desto mehr wer­den uns auch unsere Gren­zen bewusst. Alle Lust will Ewigkeit, aber sie will auch Unendlichkeit, will die Aufhe­bung und Über­win­dung unser­er men­schlichen Begren­ztheit. Dage­gen ist die Vorstel­lung von einem wie auch immer schö­nen Leben, das ewig auf dieser Erde weit­ergin­ge, eine »schlechte Unendlichkeit«. Tre­f­fend bringt dies G.W.F. Hegel in sein­er »Wis­senschaft der Logik« auf den Punkt: »Diese schlechte Unendlichkeit ist […] ist zwar die Nega­tion des Endlichen, aber sie ver­mag sich nicht in Wahrheit davon zu befreien; dies tritt an ihr selb­st wieder her­vor, als ihr Anderes, weil dies Unendliche nur ist als in Beziehung auf das ihm andere Endliche. Der Pro­greß ins Unendliche ist daher nur die sich wieder­holende Ein­er­lei­heit, eine und dieselbe lang­weilige Abwech­slung dieses Endlichen und Unendlichen.« ​[4]​

Schlecht ist diese Form der Unendlichkeit deswe­gen, weil sie uns Men­schen keine Per­spek­tive gibt auf ein Leben, das über unsere Gren­zen hin­ausweist, auf ein Leben, das nur die Berührung mit ein­er ganz anderen Wirk­lichkeit und die Gemein­schaft mit dem­jeni­gen uns gewähren kön­nte, den wir Gott nennen. 

III

Davon, von der Ewigkeit und Unendlichkeit der Lust am Leben spricht das Fest des heuti­gen Tages. Maria, so heißt es da, ein Men­sch, der stel­lvertre­tend ste­ht für alle Men­schen, wurde aufgenom­men in den Him­mel. Das also ist nach christlich­er Überzeu­gung unsere Zukun­ft und unsere Per­spek­tive, nicht die schlechte Unendlichkeit des immer-weit­er-so auf dieser Erde, son­dern die wirk­liche Unendlichkeit, geschenkt durch die unendlichen und unbe­gren­zten Möglichkeit­en Gottes. »Him­mel« ist dabei natür­lich kein Ort irgend­wo über den Wolken oder in den Weit­en des Uni­ver­sums, son­dern dieses Wort ist ein Bild für etwas, was wir uns nicht aus­malen kön­nen, für den lebendi­gen Gott und das Leben mit ihm, das uns ver­sprochen ist. Deshalb feiern wir diesen Tag der Auf­nahme Marias in den Him­mel, weil wir heute daran denken, dass Gott an einem Men­schen das vor­weggenom­men hat, was uns allen zuge­sagt ist: Ein Leben, in dem die Gren­zen des Ver­ste­hens aufge­hoben sind, in dem sich uns der Sinn von allem erschließt. Ein Leben, in dem wir uns mit allen anderen Wesen ver­bun­den fühlen, in dem uns die unendliche Vielfalt und die jet­zt oft noch ver­störende Fremd­heit der Anderen keine Schwierigkeit­en mehr bere­it­et, son­dern froh und glück­lich macht. Ein Leben, in dem es keinen Stre­it und keine Ver­let­zun­gen mehr gibt, son­dern Ver­söh­nung und Frieden. Wir ahnen es: das wäre das wahre Leben, die wirk­liche Unendlichkeit, nicht die schlechte des Immer-Weiter-So.

Dieses große Ja zum Leben, das unser Glaube am heuti­gen Fest­tag sagt, bein­hal­tet aber ganz wesentlich noch etwas weit­eres: ein Ja zu unserem Leib. Denn ohne den Leib geht es nicht. Es ist näm­lich allein unser Leib, der uns in Beziehung sein lässt zu unseren Mit­men­schen und zu allen anderen lebendi­gen Wesen auf diesem Plan­eten. Wir kön­nen uns das leicht klar­ma­chen durch ein Gedanken­ex­per­i­ment: Denken wir uns doch ein­fach ein­mal alle Möglichkeit­en, die unser Leib uns ver­lei­ht, ganz radikal weg und fra­gen wir, was dann übrig bleibt. Wir wer­den ganz schnell merken: nichts. Gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Men­schen nehmen wir mit unsern Augen wahr, die ver­traute Stimme mit unserm Gehör. Auch die andern Sinne — Berührung, Geschmack, Geruch – sie alle zusam­men for­men unser Bild der Welt so tief und unaus­löschlich, dass wir ohne sie, ohne unsern Leib, keinen einzi­gen Gedanken fassen kön­nten, schon gar keinen gescheit­en oder from­men. Wir haben über­haupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein kön­nte, wir kön­nten so etwas nicht in Worte fassen, wed­er sagen noch denken, egal ob im Him­mel oder auf Erden. 

III

Von dieser Warte aus betra­chtet wird es ver­ständlich, dass das Fest­ge­heim­nis des heuti­gen Tages darauf beste­ht: wir feiern die leib­liche Auf­nahme Marias in den Him­mel. In diesem Bild­wort kommt zum Aus­druck, dass wir Men­schen eine untrennbare Ganzheit sind, bei der Leib und Seele zusam­menge­hören. Das, was wir »Seele« nen­nen — der inner­ste Kern unseres Wesens – ist nicht zu tren­nen von unser­er konkreten, ganz ein­ma­li­gen Geschichte, die wir mit unserm Leib erfahren. Und darum sind wir auch zur Gemein­schaft mit Gott nicht als reine, makel­lose See­len oder Geis­ter berufen, von aller Erden­schwere befre­it — son­dern als ganze Men­schen, mit Seele und Leib. Jedes noch so kleine und unbe­deu­tende Detail unser­er Lebens­geschichte gehört in die »Ewigkeit«, auf die wir hof­fen, mit hinein, jede Erfahrung und jedes Erleb­nis, sei es freudig oder schmerzvoll.

Natür­lich hat es nicht viel Sinn, sich aus­denken, wie das genau sein kön­nte. Auch der Gedanke des heuti­gen Fest­tages von der leib­lichen Auf­nahme Marias zu Gott ist ein men­schlich­es Bild. Aber es ist ein Bild, das uns am Beispiel des Lebens Marias sagen möchte, was im Tief­sten und Let­zten für uns alle gilt: Die Fülle des Lebens in Gott liegt nicht in einem welt­fer­nen Geis­ter­re­ich, son­dern es ist eine Fülle, in der unsere eigene Geschichte, unser eigenes Leben unverzicht­bar mit dazuge­hören. Und dieses Bild der Lebens­freude hat die Fröm­migkeit ger­ade bei Maria in den buntesten Far­ben gemalt: mit der Schön­heit der Welt, der Natur, der Blu­men ist sie umgeben und sel­ber ist sie als eine schöne Frau dargestellt, die — wie die Kun­st es uns zeigt — ihrem Sohn mit Zärtlichkeit ver­bun­den ist. Man kann sich vorstellen, dass sie gerne gelebt hat.

Alle Lust will Ewigkeit? Ganz sich­er. Darin sind Niet­zsche und unser christlich­er Glaube sich einig (auch wenn die Chris­ten das oft vergessen haben und die Kirche sich lange, teil­weise bis heute, als eine Insti­tu­tion gebärdet, die die Lust am Leben verder­ben möchte). Der heutige Tag sagt uns: unsere Lebenslust will diese Ewigkeit nicht nur, sie bekommt sie auch. Von Gott geschenkt, so wie Maria einst wir alle. 

Zum Weiterlesen

  1. [1]
    Bahnsen, Ulrich: Forsch­er wollen das Altern besiegt haben. URL https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019–07/verjuengung-biologie-trim-studie-gregory-fahy. — abgerufen am 2019-08-16. — ZEIT Online
  2. [2]
    Göcke, Paul Benedikt: Chris­t­ian Cyborgs: A Plea For a Mod­er­ate Tran­shu­man­ism. In: Faith And Phi­los­o­phy Bd. 34 (2017), Nr. 3
  3. [3]
    Todessehn­sucht. URL https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Todessehnsucht. — abgerufen am 2019-08-16. — Mem­o­ry Alpha
  4. [4]
    Hegel, G.W.F. ; Gawoll, H.-J. (Hrsg.): Wis­senschaft der Logik. Die Lehre vom Sein [1832]. Ham­burg : Mein­er, 1990

Wer schreibt hier?

regenpfeiferDer »regenpfeifer« heißt mit bürg­er­lichem Namen Her­mann Josef Eckl und lebt in Regens­burg. Mehr über ihn erfahren Sie hier. Gerne kommt er auf sein­er Pin­nwand mit Ihnen ins Gespräch.